Das gewisse Etwas4 min read

Dieser Artikel fiel mir etwas schwer, aber ich habe mich doch dazu entschieden, ihn zu schreiben und zu veröffentlichen. Es geht nämlich um etwas ganz persönliches und nicht unbedingt fröhliches Thema, aber ich will es trotzdem erzählen, um erstens natürlich euch wahrheitsgemäß zu erzählen, wie es mir geht und vor Allem um zukünftige Auslanderoberer zu ermutigen.

Diese Sache ist Einsamkeit. Wenn ich sage, dass ich einsam war, klingt das ein bisschen wie eine Niederlage, aber zumindest in manchen Momenten habe ich mich richtig einsam gefühlt. Man mag zwar glauben, dass ich im Wohnheim von mehreren hundert „Freunden“ umgeben bin, aber das stimmt nicht ganz. Ich bin zwar von mehreren hundert Menschen umgeben, deswegen sind wir noch lange nicht Freunde oder gar eine Familie. Ich weiß, dass sich das nicht auf alle Wohnheime verallgemeinern lässt, weil ich auch von Wohnheimen höre, wo alle Nachbarn wirklich wie eine Familie sind, aber bei uns ist das nicht so. Das fängt erstmal damit an, dass sich gefühlte 80% meiner Nachbarn quasi nicht blicken lassen. Ich glaube zwar, dass rechts von mir jemand wohnt, denn es steht ein Name auf dem Briefkasten (der sogar deutsch klingt 😮 ), aber gesehen habe ich sie nie.

Das störendste an dem Gefühl der Einsamkeit fand ich aber, dass ich immer das Gefühl hatte, die anderen hatten immer Freunde da, haben immer was unternommen und waren nie einsam. Doch inzwischen habe ich einige Sachen festgestellt:

  • Nicht nur die meisten ERASMUS Studenten, sondern auch die meisten französischen Studenten hier haben wenige bis gar keine Freunde.
  • Keiner traut sich, es auszusprechen.
  • Das einzige Rezept dagegen ist, selber aktiv zu werden und etwas zu unternehmen.

Der letzte Punkt mag absurd klingen, aber ich meine es ernst. Bevor ich ankam, hatte ich ja noch das Bild vom perfekten Wohnheim mit einer großen Familie. Ich würde also ankommen und automatisch dort aufgenommen werden. Dass das bei uns nicht der Fall ist, habe ich ja schon gesagt. Das Rezept gegen Einsamkeit ist also zwangsläufig, selber rauszugehen und sich Freunde zu „erzwingen“, denn wenn man nicht aus seinem Zimmer rausgeht, wird auch keiner hereinkommen (Ich werde z. B. nicht von mir aus am Zimmer meiner unbekannten Nachbarin anklopfen).

In meinem Fall war das so: Eine Kommilitonin hat letztens von einem Konzert erzählt, das hier in Straßburg stattfand. Wir hatten sonst nicht viel miteinander zu tun, aber ich habe sie trotzdem mal gefragt, ob ich mitkommen kann. Wir haben zwar außerhalb der Uni immer noch nicht viel miteinander zu tun, aber sie sagt mir inzwischen quasi sofort Bescheid, wenn wieder etwas Interessantes stattfindet. Jetzt sagt sie mir immer bescheid, aber die erste Initiative musste ich ergreifen, indem ich einfach mal mitging. Die zweite Sache ist, sich Aktivitäten in Gruppen zu suchen. Ich meinem Fall war das Improvisationstheater. Meine Eltern haben lange gebraucht, um mich dafür zu überzeugen, aber ich bin überglücklich, mich letztendlich angemeldet zu haben (Danke nochmal 🙂 ). Ich war natürlich auch vorher schon in Aikido, aber da sind wir immer noch gute 50 Leute, die gleichzeitig auf der Matte sind. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt mit allen aus der Impro-Theatergruppe schon befreundet bin, aber erstens sind wir da meistens nur 10, höchstens 20 in der Gruppe und außerdem hat das mehr mit sich gebracht, als nur jeden Donnerstagabend Impro-Theater zu machen. Seither bin ich nämlich auch bereits zu zwei Impro-Matches gegangen, bei dem einen konnte man sogar mitmachen 😮 !

Um das jetzt nochmal abzuschließen: An meine Eltern: Seid beruhigt, mir geht es gut! An alle anderen, die sich gerade denken: Mensch, der hat mir so sehr aus der Seele gesprochen: Geht raus. Wirklich. Geht raus und fragt jetzt euren Nachbarn, ob er mit euch eine Runde spazieren gehen will oder etwas Rad fahren geht. Und sucht euch Gruppen, so wie ich mit dem Impro-Theater. Das kann alles sein, es muss nur regelmäßig sein und darf nicht allzu überfüllt sein (so wie bei mir Aikido).

Mir ist auch klar, dass der eine oder Andere aus Straßburg diesen Artikel lesen wird (auch wenn er auf Deutsch ist). Ich will euch aber auch versichern: Das ist niemandes Schuld, ich habe auch ein halbes Jahr gebraucht, um zu erkennen, wie viele einsame Menschen um mich herum leben.

So, jetzt aber genug von diesem traurigen Schwachsinn, lasst uns wieder leben!

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