Straßburg

Wie es ist, ein Clown zu sein10 min read

Es ist gerade 23:54 und ich muss hart gegen meinen Körper ankämpfen, um mich nicht einfach ins Bett zu legen, YouTube anzumachen und zu schlafen. Aber es gibt ja noch diesen Artikel, den ich euch eigentlich seit Donnerstag schulde (ihr wisst es nur nicht 🙂 ) und sogar für heute (also Dienstag) versprochen habe. Stellt euch also vor, es ist nicht Dienstag und auch nicht Mittwoch, sondern Donnerstag und zwar der Donnerstag von letzter Woche.

Der heutige Beitrag wird mal wieder ein Vlog in schriftlicher Form. Was ich damit meine, ist, dass ich euch einfach mal durch meinen Donnerstag mitnehme und erzähle, was so passiert. Weil heute Dienstag Mittwoch ist und mir von vorneherein klar war, dass ich nicht sofort den Beitrag schreiben werde, habe ich tatsächlich zunächst mit meinem Handy gevlogt, um es jetzt niederzuschreiben. Aber genug von dem Einleitungsgelaber, fangen wir einfach mal an.

11:40

Nur, um nochmal die Parodie eines typischen Vlogs zu unterstreichen, geht es mit einem Unboxing los. Ich finde, dass es immer ein cooler Moment ist, wenn Amazon ein neues Päckchen vorbeibringt und man es öffnet. Meistens ist es (zumindest bei mir) irgendeine neue Technikspielerei oder Deko oder irgendetwas anderes schönes zum Auspacken. Das heutige Päckchen ist weder neue Technik noch Deko, sondern es ist etwas, was ich nur für heute gekauft habe. Ich habe sogar 11 € für Expressversand gezahlt, nur, damit das Päckchen noch pünktlich da ist.

Aber bevor wir das Unboxing machen, muss ich noch etwas Anderes machen. Seit letzter Woche habe ich nämlich den Musikraum hier jeden Donnerstag von 12 bis 14 Uhr und jeden Freitag von 16 bis 17 Uhr reserviert und das will ich ausnutzen.

Doch worum geht es eigentlich heute? Heute Abend werde ich als Clown auftreten. Manch einer mag sagen, dass ich ja schon 24/7 ein Clown bin, aber heute Abend werde ich ein richtiger Clown im Clownkostüm sein. Ich werde nicht alleine auftreten, allerdings bin ich sowas wie einer der „Hauptclowns“. Und wenn ich sage „Hauptclown“, dann meine ich nicht, dass ich irgendwie wichtiger wäre als die anderen, ich habe nur eine andere Aufgabe. Heute Abend wird es nämlich eine Tanzshow geben und die Tänzer haben uns Clowns gefragt, ob wir nicht die Moderatoren stellen wollen. Und deshalb stellen wir zwei Clownmoderatoren und einen Haufen weiterer Clowns, die zwischen den Tanznummern ihre Späßchen mit dem Publikum machen. Und ich werde einer der beiden Moderatoren sein.

14:10

So, Amazon war inzwischen da, nur ich war nicht da. Ich war nämlich noch im Musikraum und habe Trompete gespielt. Weil ich das Päckchen bei Amazon Deutschland bestellt habe, wurde es mit DHL geliefert und DHL braucht eine Unterschrift. Päckchen, die ich bei Amazon Frankreich bestelle, kommen mit der französischen Post, die keine Unterschrift braucht und das Päckchen einfach in den Briefkasten schmeißt, aber nicht so DHL. Und so wurde mein Päckchen zwar geliefert, wegen meiner Abwesenheit aber wieder vom Postboten mitgenommen. Das einzige, was er mir dagelassen hat, ist ein Zettel, auf dem steht, dass mein Päckchen in eine Packstation geliefert wird. Das stellt mich vor ein kleines Problem, denn auf dem Zettel steht nur eine Adresse und die ist drei Autostunden von hier entfernt. Da ich hier kein Auto habe, könnte es etwas schwierig werden, dort hinzukommen…

15:17

Ich habe jetzt nochmal online nachgesehen und ich habe gute Nachrichten: Ich muss nicht zu der Adresse fahren, die auf dem Zettel steht. Das ist lediglich die Adresse des zuständigen Paketzentrums von DHL. Wenn ich dort hinfahren würde, würde ich lediglich vor einer Industriehalle landen, in der Pakete sortiert werden. Die Adresse, wo ich mein Paket abholen kann, kann mir DHL zwar noch nicht sagen, aber sie wird auf jeden Fall in erreichbarer Umgebung sein.

15:50

Yay, ich habe gerade tausende Male auf Aktualisieren gedrückt und tatsächlich ist mein Paket in einer Packstation angekommen, die keine drei Autostunden von hier entfernt ist, sondern nur sage und schreibe maximal 5 Minuten zu Fuß, denn sie ist einfach nur ein paar Häuser weiter. Ich muss nur noch schnell meine Wäsche packen, die ich noch schnell in die Wäscherei bringen muss und dann kann ich mein Paket holen!

16:08

So, da ist mein Paket:

Meine Wäsche kann ich also in 45 Minuten abholen. Die Show fängt um 20 Uhr an. Ich werde also schauen, dass ich um 19:30 Uhr da bin. Praktischerweise habe ich nämlich als Moderator noch kein Programm bekommen. Aber nicht umsonst heißt meine Clown-Gruppe ja Clown-Improvisation. Nichtsdestotrotz habe ich jetzt noch 3,5 Stunden, in denen ich z. B. mein Zimmer putzen werde.

16:13

Doch bevor ich mit dem Putzen anfange, erstmal das, was ich eigentlich schon am Anfang angekündigt habe: Das Unboxing. Das, was ich nämlich bestellt habe, sind zwei Dinge: Zunächst eine rote Nase. Kein Clown ohne Clownnase. Hätte ich keine Expresslieferung gebraucht, hätte ich mir bei einem Marketplace-Anbieter auch zum gleichen Preis 25 Nasen kaufen können, aber Amazon hat für den Expressversand nur überteuerte einzelne Nasen da. Deshalb nur eine. Und natürlich etwas Schminke. Angeblich beste Theaterschminke (Spoiler: Sie ist echt gut 🙂 ).

16:51

Zimmerputzen ist jetzt natürlich erstmal nicht in Sicht. Stattdessen habe ich einfach mal die Schminke ausgepackt und mich probegeschminkt. Und ich muss sagen, es sieht echt gut aus. Die Schminke ist wasserlöslich. Das bedeutet, dass ich sie wahlweise mit einem feuchten Schwamm auftragen kann, wenn ich eine große Fläche färben will oder mit einem feuchten Pinsel (alles übrigens mitgeliefert), wenn ich Striche malen will. Und abschminken geht einfach, indem ich mein Gesicht mit Seife wasche.

Ich bin mir um ehrlich zu sein gerade nicht sicher, ob ich die Lippen so rot behalten will. Ich hatte sie zunächst weiß ausprobiert, das war auch nicht schlecht. So ist es halt fast wie ein Lippenstift.

[Bild, dass ich eigentlich einfügen wollte, aber nicht mehr finden kann 🙁 ]

 

Eigentlich solltet ihr mich hier mit schwarzen Lippen sehen, aber wie ihr seht, seht ihr nichts. Aber ganz ehrlich: Rot finde ich am besten.

18:45

Ein Nachbar hat mich noch gerade gebeten, ihm bei etwas zu helfen. Da ich ungern Hilfe ablehne, habe ich schnell zugepackt, aber das hat mich jetzt leicht unter Zeitdruck gepackt, denn eigentlich wollte ich noch duschen und mich hier schminken (ich habe mich nämlich inzwischen wieder abgeschminkt). Das mit dem Schminken wird wohl nichts mehr, aber duschen muss noch sein.

18:55

So, ich bin jetzt geduscht. Aber ich hatte kein Handtuch zum Abtrocknen. Die waren nämlich alle in der Wäsche und die Wäsche ist, dank meines wunderbaren Gedächtnisses, immer noch in der Wäscherei. Also Beine in die Hand nehmen, die Wäsche holen, Schminke, Wasserflasche und alles Andere für den Abend noch ein eine Tasche packen und zur Tram rennen. Natürlich hatte ich keine Zeit mehr, die Wäsche irgendwie in den Trockner zu stecken oder überhaupt zum Trocknen aufzuhängen. Aber hey, inzwischen ist es 19:30 und ich bin pünktlich an der Sporthalle angekommen!

19:40

Die anderen Clowns sind auch gerade erst angekommen und mussten sich auch alle noch schminken. Ich bin also nicht der einzige. Und freundlicherweise wurden wir Moderatoren jetzt auch über das Programm aufgeklärt.

20:00

Ohne Schmarrn, wir (Moderatoren) haben jetzt gerade die ganze Zeit nur über das Programm geredet und haben zu jedem Programmpunkt exakt einen Stichpunkt notiert, wie wir die Nummer ankündigen wollen. Der Rest ergibt sich dann auf der Bühne.

Falls jemandem noch nicht klar sein sollte, wie die Show jetzt gleich abläuft: Unsere Kollegen im Publikum haben jetzt bereits alle Zuschauer auf ihre Plätze begleitet und mit Scherzen beglückt. Wir, also mein Moderationskollege und ich, werden gleich die Menschen begrüßen und die erste Tanznummer ansagen. Dann kommen die Tänzer und tanzen und dann kündigen wir die nächsten an usw. Nur dass wir die Tänzer nicht klassisch ankündigen („Als nächstes sehen sie…“), sondern immer einen kleinen Sketch spielen, in dem wir das Thema oder den Namen des nächsten Tanzes oder Liedes einflechten und so die Tänzer ankündigen. Und weil wir eben Improtheater machen, reicht uns dazu ein Stichwort pro Nummer. Aber jetzt genug von dem Gelaber, ich muss raus auf die Bühne.

22:00 (glaube ich zumindest)

Yay, die Show ist jetzt vorbei! Und es war super! Ich habe leider keine Videos von der Show machen können und leider auch keine Fotos, aber es war echt geil. Es gab nur zwei Pannen:

  1. Wir hatten kein Mikrofon. Ab der zweiten Hälfte hatten wir zwar eines, aber es ist erstens schwierig, sich auf der Bühne ein Mikrofon zu zweit oder stellenweise auch zu dritt zu teilen und zweitens funktionierte dieses Mikrofon mangels Soundcheck nicht so richtig mit unseren Stimmen. Die Techniker am Mischpult waren auch nicht die begnadetsten (das ist jetzt kein Eigenlob 😉 ), sodass sie es auch nicht im laufenden Betrieb aussteuern konnten, aber egal.
  2. Der Gitarrenspieler, der zum Flamenco-Tanz spielte, hat natürlich vorher auch keinen Soundcheck gemacht, was uns Clowns dazu zwang, weitere fünf Minuten fröhlich zu überbrücken.

Aber wir wären ja keine richtigen Clowns oder geschweige denn ein richtiges Improtheater, wenn wir das nicht einfach wegstecken würden und einfach in unsere Sketche mit einbauen würden, als wäre es ein Teil davon.

Und so sah ich übrigens vor dem Abschminken aus:

Die Schminke hat übrigens, wie ihr auch im Foto sehen könnt perfekt gehalten. Ich habe inzwischen nämlich etwas Wasser getrunken, Mandarinen gegessen und ein Zuschauer hat mir, nach der Show, als ich auch noch ein paar Scherze im Publikum machte, Wasser ins Gesicht geschüttet. Der war wohl nicht so sehr von Clowns begeistert. Aber wie ihr seht, hat die Schminke all das problemlos überstanden, also Hut ab! Nur der Seife, mit der ich mir mein Gesicht gleich waschen werde, der kann die Schminke nicht standhalten.

2:30

Ich würde ja echt gerade so gerne den Beitrag fertig schreiben, aber nach der Show habe ich mir noch bei einem Deutschen, der hier in Straßburg einen Imbiss hat, einen Döner geholt und da war irgendwas mit dem Fleisch nicht richtig. Abwechselnd will ich mich gerade übergeben oder das Zeug will hinten raus. Die Details erspare ich euch mal lieber, nur so viel: Ich musste mich nicht übergeben, aber an schlafen gehen oder irgendetwas produktives ist halt seit den letzten zwei Stunden nicht zu denken.

Mittwoch, 1:48

Puh, einige Kekse und etwas Brot mit Käse mussten jetzt dran glauben, während ich das alles geschrieben habe. Es hat aber einen unheimlichen Spaß gemacht, den ganzen Abend gerade nochmal vor meinem inneren Auge revue passieren zu lassen, denn es war wirklich schön. Obwohl ich schon tausende Male mit der Trompete Konzerte gegeben habe, bei denen auch teilweise mehrere hundert Menschen waren und auch des Öfteren Stadionsprecher oder Moderator war, war es doch das erste Mal, dass ich öffentlich und höchst offiziell auf einer Bühne Clown war. Und (auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole) es hat einfach einen riesigen Spaß gemacht und hat mich mal wieder darin bestätigt, dass es die richtige Entscheidung war, sich in der Impro-Gruppe anzumelden. Und eine Sache habe ich noch beschlossen: Sobald ich wieder in München bin, werde ich das weitermachen. Hier in Straßburg gibt es nämlich sog. Impro-Matchs. Dort treten kleine Improteams bestehend aus jeweils 5 Comedians in einer Meisterschaft gegeneinander an und am Ende der Saison gibt es eine Siegermannschaft. Zu dumm nur, dass man sich dafür natürlich am Anfang der Saison in einem Team anmelden muss. Aber in München habe ich auch schon davon gehört, also ist das ein festes Vorhaben für meine Rückkehr.

So, da es jetzt aber schon wieder fast 2 Uhr ist und ich morgen früh um 8:30 wieder an der Uni sein muss, gehe ich jetzt mal besser schlafen. Mein Versprechen, den Beitrag noch am Dienstag zu veröffentlichen, konnte ich nicht ganz einhalten, aber zwei Stunden Verspätung ist doch auch ok, oder?


Noch eine Anmerkung wegen des Zuschauers, der mir das Wasser ins Gesicht geschüttet hat: Eine Sache, die uns unsere Improvisationslehrerin beigebracht hat ist quasi Schizophrenie. Als Clown heiße ich Christoph, als Mensch Frederik. Frederik denkt sich zwar aus, was Christoph machen wird, aber der Geschminkte heißt eben Christoph und nicht Frederik. Der Mann hat also das Wasser nicht mir ins Gesicht geschüttet, sondern Christoph.

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