Die Kunst, gute Kunst zu machen5 min read

Jetzt am Sonntag ist das Filmfest in München gerade zu Ende gegangen und ein Freund von mir hatte Pressetickets übrig und so konnte ich kostenlos in zwei Filme gehen. Die Filme hätten kaum unterschiedlicher sein können: In dem einen ging es um einen Afghanen, dessen Leben unter der Herrschaft der Taliban beschrieben wurde und im zweiten ging es um das Leben eines Schleppers in der Dominikanischen Republik. Beides Geschichten, die sich prinzipiell sehr interessant anhören. Der erste Film, „Black Kite“, hat es auch geschafft, das Leben des Afghanen mitreißend zu erzählen, während ich bei „El Silencio del Viento“ im Kino eingeschlafen bin.

Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, was man beachten muss, um in seiner Kunst eine relevante Message interessant an den Mann zu bringen und da ich mit den beiden Filmen zwei wunderbare Vergleichsbeispiele habe, habe ich mich nun entschlossen, einen Beitrag darüber zu schreiben. 

Die Filme waren nicht die einzige Gelegenheit, bei der ich so etwas beobachtet habe und es geht auch nicht nur darum, eine interessante Message interessant darzustellen. Es geht auch darum, überhaupt eine Message zu finden. Wie viele „bedeutungsschwangere“ Bilder gibt es auf Instagram, bei denen eine Person gedankenverloren in den Himmel sieht. In der Beschreibung stehen dann meistens Sätze wie „Normal is boring“ oder „Failure is not falling down, but refusing to get up“, vorzugsweise auf Englisch, um dem ganzen noch mehr philosophische Bedeutung zu geben. Meistens sind solche Bilder der Versuch, eine Message zu überbringen, wo gar keine Message ist. Doch dann stellt sich die Frage: Was ist denn überhaupt eine Message?

Die Frage ist etwas schwierig zu beantworten, denn prinzipiell kann alles als Message dienen: Ein besonderer Moment im Leben, politische Probleme, Naturkatastrophen, … Die Liste könnte noch endlos weitergehen. Die Message muss nicht unbedingt thematischer Natur sein, vielleicht ist es auch eine schöne Landschaft, die sehenswert ist. Wenn ich etwas auf Instagram poste, stelle ich mir grundsätzlich zwei Fragen:

  1. Ist das, was ich posten möchte, überhaupt für andere interessant oder würden andere sich dabei langweilen?
  2. Möchte ich das Bild um des Posts willen posten (um z. B. Likes oder Abonnenten zu bekommen) oder poste ich es des Bildinhaltes wegen?

Über die erste Frage lässt sich diskutieren, denn vielleicht habe ich ein Nischenhobby, was den Otto-Normalo-Instagramer vielleicht nicht interessiert, welches ich aber dennoch in Szene setzen möchte. Speziell wenn ich allerdings die zweite Frage verneine, lösche ich den Post, denn in dem Moment, in dem es lediglich darum geht, Likes oder Abonnenten zu bekommen und man auf Teufel komm raus versucht, eine Message zu finden, wird man scheitern.

Doch nehmen wir einmal an, dass wir bereits eine Message haben und diese auch für potentielle Leser interessant ist, z. B. die beiden Filme auf dem Filmfest. Beide beschreiben Welten, die ich, als Europäer, der quasi nur die 1. Welt kennt, nie gesehen habe. Ich hatte das Glück, bisher ohne diktatorische Herrschaft aufzuwachsen und hatte auch noch nie die Notwendigkeit, aus meiner Heimat heimlich fliehen zu müssen. Ich war also durchaus am Inhalt der beiden Filme interessiert, doch wie hat es „El Silencio del Viento“ dann geschafft, mich zum Einschlafen zu bringen?

Hier kommt natürlich die artistische Umsetzung ins Spiel, die für jedes Medium etwas anders ist. Beispielsweise sollte man auf Instagram achten, symmetrische Fotos aufzunehmen und Schärfe, Kontrast und Sättigung ordentlich einzusetzen. Bei Filmen kommt noch zusätzlich Ton hinzu und vor Allem die Tatsache, dass man nicht nur auf ein Bild, sondern auf mindestens 25 Bilder pro Sekunde blickt. Das erlaubt es einem Film, mehr Stilmittel einzusetzen, die bei einem Standbild nicht unbedingt eingesetzt werden können.

Beispiel Metapher. In „Black Kite“ ging es um eine Familie, in der die Männer Drachen (wie man sie im Herbst fliegen lässt) hergestellt und verkauft haben. Die Drachen waren dabei eine Metapher für die Freiheit: Während der Herrschaft des afghanischen Königs (der sehr liberal herrschte) war es der Familie möglich, frei Drachen steigen zu lassen. Später kamen Männer, die verlangten, Drachen in bestimmten Farben steigenzulassen, mutmaßlich um Feinden bzw. anderen Gruppierungen bestimmte Nachrichten zu überbringen. Es bestand also bereits eine gewisse Einschränkung der Freiheit. Als die Taliban die Macht ergriffen, wurde das Fliegen von Drachen gänzlich verboten, was auch mit einer umfassenden Einschränkung der Freiheit einherging. Es mag sich banal anhören, aber er gesamte Film lebte fast nur von dieser Metapher. Natürlich hätte dieselbe Geschichte auch ohne die Metapher erzählt werden können: Tötung, Folter etc. lassen sich auch so darstellen. Dann wäre es allerdings ein Dokumentarfilm gewesen, der wahrscheinlich sogar noch langweilig wäre.

„El Silencio del Viento“ hat aus Gründen, die ich mir nicht ausmalen kann, größtenteils auf Stilmittel verzichtet. Klar, der Film erzählt vom Leben des Schleppers, aber es ist eine lose Aneinanderreihung von Filmsequenzen. Es fängt bereits damit an, dass während des Vorspanns keine Musik verwendet wurde und es im Kino mucksmäuschenstill war. Ebenso wurde auf einen Erzähler verzichtet, der der Geschichte einen besseren Rahmen hätte geben können. Die einzigen Elemente, aus denen der Film bestand, waren Einstellungen, die die Personen bei verschiedenen Tätigkeiten zeigten und vereinzelt kurze Gesprächsszenen. Wenn man aufmerksam zusah, konnte man die Handlung durchaus erkennen, aber durch die schlichte Darstellung verloren die Szenen ihre Bedeutung. Und prompt bin ich eingeschlafen.

Es ist natürlich nicht so, dass ich in diesem Blogpost revolutionäre Ratschläge gegeben habe, die Niemand vor mir nicht schon in die Welt gesetzt hat, schließlich versucht jeder Deutschlehrer einem einzutrichtern, dass jede Erzählung mit der Erzählweise steht und fällt. Außerdem ist es ziemlich logisch, dass man keine Geschichte erzählen kann, wenn es keine Geschichte gibt. Deshalb möchte ich euch einfach nur zum Reflektieren anregen: Überdenkt den Post nochmals, den ihr gerade hochladen wolltet. Und wenn ihr zu dem Schluss kommt, dass der Post eventuell langweilig sein könnte, dann solltet ihr überlegen, ob ihr den Post nicht ändern solltet oder überhaupt hochladen solltet.

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